jede Hand ihr eigener Tunnel
Malerei
13.03. – 01.05.26
Der Titel „jede Hand ihr eigener Tunnel“, ist einem literarischen Text der Lyrikerin Monika Rinck entnommen. So rätselhaft und geheimnisvoll er auch erscheinen mag, er setzt eine konkrete Körpererfahrung beim Schwimmen poetisch ins Wort. MW schwimmt gern, aber vor allem interessiert sie die Körpererfahrung. Bei fast allen Arbeiten dieser Ausstellung, in letzter Zeit entstanden, geht es um die Vorstellung von Körper, um Beschäftigung auch mit dem eigenen Körperbild. Der Körper beginnt irgendwo oder ist in seinen Gliedern präsent. Es begegnen uns Augen, die schauen und Hände, die tun – sie stehen für Dialog und Bewegung. Die Vorstellung von Händen wie ein Tunnel oder wie ein Nest unserer Finger kann Malanlass sein. Die Bilder changieren zwischen Figuration und Abstraktion - unser vertrautes Körperbild wird jedenfalls radikal unvertraut gemacht. MW sagt „Es muss neu gespielt werden“.
Etwas wird in den Blick genommen, umkreist, in Teilen erfasst und wieder verworfen. Die Formgebung ist ein Wahrnehmungsausloten. Die Bildfindung ist ebenso komplex wie dialogisch und erfolgt etappenweise; entschiedene Setzungen wechseln mit tastender Annäherung und immer wieder mit Übermalung. Die Intensität von Formen und Farben ist enorm, auch das Ausdrucksverlangen, das von jeder Arbeit ausgeht, entwickelt Wirkkraft, fordert Raum und schafft Raum, ob bei kleinen oder großen Formaten. Kann ein Weg noch tiefer hineinführen? Die Hängung oder Inszenierung ist ungewöhnlich. Auch Irritation ist Konstituens. Jede Arbeit will für sich gesehen werden und fordert im Grunde eine direkte Begegnung durch frontale Annäherung, in der Annäherung aber auch ein Innehalten, damit vielleicht auch Worte leise kommen. Vor den Arbeiten zu stehen, bedeutet nicht zuletzt Assoziationsräume zuzulassen, wie ebenso die Titel die Wahrnehmung erweitern. Es sind offene Zeichen und Zeilen, und es lohnt sich, am Saum der Worte entlangzugehen.
Es ist etwas Körperliches und zugleich Unkörperliches in diesen Bildern. Die neueste Arbeit, zweiseitig bemalt, ist die größte und auch diejenige mit ausdrücklich skulpturalem Anspruch. Das dynamische Potenzial, das sich sonst innerbildlich bzw. zweidimensional entwickelt, liegt hier in den Spuren einer Aktion, die der Titel der Arbeit andeutet: „zer“ kann stehen für „zerschneiden“ oder auch für „zerstören“. Wir sehen auf der Vorderseite einen Körper en face, aus dem Teile herausgeschnitten sind.
Fragilität auf allen Ebenen ist auch ein Thema, das auf verschiedenen Ebenen in die Arbeit von MW einfließt, in die Materialien (Papier als Bildträger, Gips) und in die Präsentation der Arbeiten: Diese ist stark raumbezüglich, oft mit einer gewissen Ferne zur Wand, mitunter schwebend oder wie die Bildskulptur frei stehend, Das schafft ein eigenes Bezugssystem und Nähe zum Gegenüber.
Für eine Erweiterung ins Skulpturale steht schließlich die Werkgruppe „limbs“/ Glieder, kleine Skulpturen aus keramischem Gips – Hände, die nicht greifen und stützen, sondern eher tasten und suchen.
Gudrun Selz