{"id":64,"date":"2022-03-15T15:39:22","date_gmt":"2022-03-15T14:39:22","guid":{"rendered":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/?p=64"},"modified":"2024-03-16T18:17:33","modified_gmt":"2024-03-16T17:17:33","slug":"ein-leben-bekommen-text","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/texte-ueber\/ein-leben-bekommen-text\/","title":{"rendered":"Ein Leben bekommen Text"},"content":{"rendered":"","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":305,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[22,20],"tags":[],"class_list":["post-64","post","type-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-texte","category-texte-ueber"],"grid":"{\r\n  \"colCount\": 18,\r\n  \"colGutter\": 1,\r\n  \"rowGutters\": [\r\n    100\r\n  ],\r\n  \"frameMargin\": 5,\r\n  \"leftFrameMargin\": 25,\r\n  \"rightFrameMargin\": 25,\r\n  \"topFrameMargin\": 175,\r\n  \"bottomFrameMargin\": 175,\r\n  \"rowAttrs\": [\r\n    {},\r\n    {}\r\n  ],\r\n  \"bgColor\": \"#ffffff\",\r\n  \"cont\": [\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<h1 class=\\\"_Ueberschrift\\\" style=\\\"text-align: left;\\\">Ein Leben bekommen<\/h1><p class=\\\"_Default\\\">Simone K\u00f6rner<\/p><p class=\\\"_Default\\\">\u00a0<\/p><p class=\\\"_Default\\\">\u00a0<\/p><p class=\\\"_Zitat\\\"><span class=\\\"_Standard_Kursiv\\\">Und doch, im n\u00e4chsten Augenblick, sobald man die\u2005T\u00fcr \u00f6ffnete, da breitete sich \u00fcber den Boden, hing an den\u2005W\u00e4nden, schwang von der Zimmerdecke \u2013 was? Meine H\u00e4nde waren leer.<\/span>*<\/p><p class=\\\"_Autorname\\\">Virginia Woolf, <span class=\\\"_Bildunterschrift_Kursiv\\\">Ein Geisterhaus<\/span>\u2003\u2003\u2003<\/p><p>\u00a0<\/p><p class=\\\"_Default\\\">Der Boden wird zur Leinwand. Die Leinwand quillt aus dem Bild und beginnt zu flie\u00dfen. Das Fluidum b\u00fcndelt sich, spritzt, um sich wieder in den Raum hinein auszudehnen. Das ist das erste was mir auff\u00e4llt, als ich Mirjams Aufbau f\u00fcr <span class=\\\"_Standard_Kursiv\\\">Ein Leben bekommen<\/span> betrete. Nichts ist hier ruhig, alles in Bewegung. Ein roter, spr\u00fchender Nippel wird mir von einer ebenso rot behandschuhten Hand entgegengesqueezed. Die <span class=\\\"s1\\\">3,5<\/span> Meter gro\u00dfe Figur ist wulstig und schwer, ihr Doppelkinn w\u00f6lbt sich m\u00e4chtig \u00fcber die Brust, deren Schmerz ich f\u00f6rmlich in meiner eigenen zu sp\u00fcren beginne. Die Teppichhaut scheint schwer bewohnbar zu sein. Ihr\/-e Inhaber\/-in schaut auf mich herab, den stillen Mund zu einem Lachen verzerrt, aus den Augen str\u00f6mt es nur so heraus. Viele Ambivalenzen, die es mit sich bringt, Tr\u00e4ger\/-in eines Busens zu sein werden hier f\u00fchlbar, ist der Busen doch allzu oft Objekt gesellschaftlicher Vorstellungen des Frauseins. Trotzdem ist es keine Dramatik, die ich w\u00e4hrend des Betrachtens empfinde, scheint der Blick der Figur auf sich selbst doch ein komischer zu sein. Sie nimmt sich in ihrem Schmerz nicht zu ernst.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Ich gehe weiter, vorbei an einem Metallgestell, das die Gr\u00f6\u00dfe des Wohnraums der K\u00fcnstlerin beschreibt. Darunter eine Leinwand, die kein Ende haben will, sie wabert aus sich heraus \u00fcber den Boden. Vorbei an einem Selbstportr\u00e4t der K\u00fcnstlerin, angezogen von dem gelben Licht, das mir aus dem letzten der drei R\u00e4ume entgegenschimmert. Schmunzelnd bleibe ich auf dem Weg dorthin vor einem sehr gro\u00dfen Paar Schuhe stehen. Diese Schuhe sind nicht zum Gehen gedacht, sie laden zum Stolpern ein\u200a\u200a: vorne bereits gebrochen, klobig und viel zu gro\u00df f\u00fcr jeden Fu\u00df. Sie sind aus\u2004Ton und wurden mit der gleichen\u2004Technik aufgebaut, wie die zwei hohen Gef\u00e4\u00dfe, die sich auch in der Ausstellung befinden. Fast schon arch\u00e4ologisch f\u00fcgen sie sich in die Fragilit\u00e4t Mirjams Landschaften ein.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Landschaften, die mich immer wieder an Kurzgeschichten Virginia Woolfs denken lassen. Jede steht f\u00fcr sich, und doch greifen sie alle ineinander ein. Die Gedanken, die ich hier finde, sprudeln und springen von einem ins n\u00e4chste, sind assoziativ und beschreiben Welten der subjektiven Erfahrung. Immer wieder zur\u00fcckgeworfen auf den Konflikt des eigenen K\u00f6rper-Seins, in einer Gesellschaft, die meint zu wissen was das bedeutet und deshalb zwanghaft versucht es zu kategorisieren. In diesen R\u00e4umen gibt es keine Akzeptanz f\u00fcr das, was eben dieses Ich-Sein beschreiben soll.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Weder f\u00fcr die eigene Geschlechtlichkeit, noch f\u00fcr das, was es hier bedeutet ein Leben zu bekommen. Die eigenen Privilegien scheinen unfassbar unangemessen. Weiter gehen. Ich befinde mich in dem kleinsten der drei R\u00e4ume. Die Fensterscheibe ist mit \u00c4hren bemalt, das hereinfallende Herbstlicht wird noch w\u00e4rmer und taucht den ganzen Raum in Gelb. Es strahlt mein pers\u00f6nliches Lieblingsbild an\u200a\u200a: Zwei Nichts fassende H\u00e4nde, die sich am Ballen ber\u00fchren. Am Punkt der Ber\u00fchrung formen sie sich zu einem Anus. Der Hintergrund ist blau.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">\u00a0<\/p><p class=\\\"_Zitat\\\"><span class=\\\"_Standard_Kursiv\\\">Meine H\u00e4nde waren leer.<\/span> [\u2026] <span class=\\\"_Standard_Kursiv\\\">Einen Augenblick sp\u00e4ter war das Licht verbla\u00dft. Drau\u00dfen im Garten also\u200a\u200a? Die B\u00e4ume aber spannen Dunkelheit um einen wandernden Sonnenstrahl. So zart, so erlesen, k\u00fchl unter die Oberfl\u00e4che gesunken, brannte der Strahl, nachdem ich suchte, immer hinter dem Fensterglas. Der Tod war das Glas\u200a\u200a; der Tod war zwischen uns<\/span> [\u2026].**<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">\u00a0<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Mirjams Arbeiten kotzen, explodieren, rei\u00dfen und spucken. Die K\u00fcnstlerin besetzt die R\u00e4ume, in denen sie arbeitet, humorvoll mit Fragilit\u00e4ten und eigenen Unzul\u00e4nglichkeiten.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Es geht hier nicht um eine Fragmentierung des Ichs in der Welt, sondern um eine Ausdehnung, die das eigene Vakuum sichtbar macht. Die K\u00f6rper, die ich sehe, beschreiben eine Gleichzeitigkeit, eine Sprunghaftigkeit, die sich nicht festlegen l\u00e4sst. Sie sind lustvoll lustlos, verschmitzt traurig und geborgen verzweifelt. Sie wollen nicht sein, sie sind und dabei werfen sie Fragen auf\u200a\u200a\u200a: Was bedeutet es eigentlich am Leben zu sein\u200a\u200a? Wie wollen wir unsere K\u00f6rperlichkeit bewohnen\u200a\u200a? Wie kann ein Begehren nach Leben aus dem eigenen festen K\u00f6rper heraus \u00fcberhaupt formuliert werden\u200a\u200a? Wie gehen wir damit um ein Leben zu bekommen\u200a\u200a?<\/p><p>\u00a0<\/p><p>\u00a0<\/p><p class=\\\"_Fussnoten\\\">*\u2002Virginia Woolf: \u203aEin Geisterhaus\u2039, in: <span class=\\\"_Fussnoten_Kursiv\\\">Die Dame im Spiegel und andere Erz\u00e4hlungen,<\/span> 1.\u00a0Aufl. Frankfurt am Main: Fischer\u2005Taschenbuch Verlag, 1978. S.\u200610.<\/p><p class=\\\"_Fussnoten\\\">**\u2002Ebd.<\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 0,\r\n      \"col\": 4,\r\n      \"colspan\": 10,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 4,\r\n      \"relid\": 4,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"text-align: right;\\\"><span style=\\\"font-size: 18px;\\\"><a href=\\\"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/ausstellungen\/ein-leben-bekommen\/\\\" data-catid=\\\"[9]\\\">Abb. zur Ausstellung<\/a><\/span><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 1,\r\n      \"col\": 7,\r\n      \"colspan\": 7,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 7,\r\n      \"relid\": 5,\r\n      \"classes\": \"fixed\",\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/305"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}