{"id":521,"date":"2022-09-24T14:50:35","date_gmt":"2022-03-15T14:39:22","guid":{"rendered":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/ausstellungen\/ein-leben-bekommen-text-2\/"},"modified":"2024-03-16T18:28:55","modified_gmt":"2024-03-16T17:28:55","slug":"ungehalten-text","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/texte-ueber\/ungehalten-text\/","title":{"rendered":"Ungehalten Text"},"content":{"rendered":"","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":305,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[22,20],"tags":[],"class_list":["post-521","post","type-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-texte","category-texte-ueber"],"grid":"{\r\n  \"colCount\": 18,\r\n  \"colGutter\": 1,\r\n  \"rowGutters\": [\r\n    100\r\n  ],\r\n  \"frameMargin\": 5,\r\n  \"leftFrameMargin\": 25,\r\n  \"rightFrameMargin\": 25,\r\n  \"topFrameMargin\": 175,\r\n  \"bottomFrameMargin\": 175,\r\n  \"rowAttrs\": [\r\n    {},\r\n    {}\r\n  ],\r\n  \"bgColor\": \"#ffffff\",\r\n  \"cont\": [\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<h1 class=\\\"_Ueberschrift\\\" style=\\\"text-align: left;\\\">UNGEHALTEN<\/h1><p class=\\\"_Default\\\">Alex Hojenski<\/p><p>\u00a0<\/p><p>\u00a0<\/p><p class=\\\"_Default\\\"><span class=\\\"_Standard_Kursiv\\\">Ungehalten<\/span> l\u00e4sst auf Emp\u00f6rung schlie\u00dfen, auf Wut, die sich ungebremst verteilt. Doch kann man sich auch ungehalten fallen lassen. Ausgelassen, offen sein.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\"><span class=\\\"_Standard_Kursiv\\\">Ungehalten<\/span> versammelt \u00d6lmalereien auf Papier und Leinwand sowie handgeflochtene Korbobjekte, die innerhalb der letzten zwei Jahre entstanden sind. Ausgehend von der zentralen Rolle der Skizze in Mirjams Arbeit, gesellen sich verschiedene Werkgruppen zusammen und schlie\u00dfen an die Papierarbeiten an. Frei im Raum h\u00e4ngend sind Vorder- und Ru\u0308ckseite der teils schwer mit \u00d6lfarbe beladenen Bl\u00e4tter sichtbar. Eine Pr\u00e4sentation, die das Prinzip einer klassischen Rahmung umkehrt. Mit der st\u00e4rkenden Plexiglasplatte im Ru\u0308cken bleiben die Papiere offen, statt von Glas und konturierendem Rahmen ringsherum abgeschlossen \u2013 <span class=\\\"_Standard_Kursiv\\\">sicher verwahrt, gehalten<\/span> \u2013 zu sein.<\/p><p>\u00a0<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Die Ru\u0308ckseite erz\u00e4hlt vom Anfang, die Vorderseite vom Abschluss der vielen sich u\u0308berlagernden Maldurchg\u00e4nge, durch die sich Motive entwickelt haben. Die sickernden R\u00e4nder und alternativen Formationen auf der Ru\u0308ckseite dokumentieren die Eigendynamik der Farben und Pigmente, die oft nicht davor halt machen, darunter liegende Farbschichten zu durchtr\u00e4nken und zu verschlingen, sich ihren Weg durchs Material zu bahnen.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Diese kleinformatigen Papierarbeiten sind Teil kontinuierlicher Atelierarbeit. Sie sind Empf\u00e4nger:innen der u\u0308brig gebliebenen Farben, mit denen sie wieder und wieder u\u0308bermalt und erg\u00e4nzt wurden. Den Entstehungsprozess gr\u00f6\u00dferer Formate begleitend, zeigen sich nicht selten Verwandtschaften zwischen Farbkompositionen oder Zeichen auf den Leinw\u00e4nden und Skizzenbl\u00e4ttern.<\/p><p>\u00a0<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Hier gilt es auch eine Einteilung zu lockern. Zieht man seine Kreise zwischen den gezeigten Malereien und sieht genauer hin, trifft man in so manchem kleinen Blatt auf komplexe Konstellationen, die weit mehr als eine schnelle Skizze sind.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Die Skizze verfu\u0308gt u\u0308ber den Freifahrschein ohne eine Behauptung auszukommen \u2013 von der Behauptung, eine Skizze zu sein, einmal abgesehen. Ganz klassisch ist sie Fingeru\u0308bung und Ideensammlung. Als Vorstufe, die vermeintlich Unausgereiftes, aber wohl eher Nicht-Vordefiniertes zeigt, ist sie faszinierend magisch und gleichzeitig unpr\u00e4tenti\u00f6s. In der Beweglichkeit einer nicht vordefinierten Erscheinung liegt die M\u00f6glichkeit der Transformation. Ein auf Werden basierendes Dasein l\u00f6st sich ab von einem fest definierten Sein, in dem Pflichten und Beteiligungen bereits mit der Geburt zugeteilt zu sein scheinen.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Bis eine Arbeit abgeschlossen ist, bestehen noch Fragen zwischen ihr und Mirjam. Manchmal stellt sich nach genu\u0308gend gemeinsam verbrachter Zeit heraus, dass diese Frage die Aufgabe dieser Malerei ist und sie sie gemeinsam stellen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">In meinem Kopf kreist ein Songtext, der ein Axolotl als ein voller Potenz steckendes Wesen thematisiert. Als etwas, das sich in der Evolution weder in die eine, noch in die andere Richtung entschieden hat, sich in seiner nicht-Spezifizierung eine Zwischenform beibeh\u00e4lt, die die M\u00f6glichkeiten anderer Lebensform in sich vereint. Das Axolotl ist eine meist in Mexiko vorkommende Schwanzlurch-Art, die natu\u0308rlicherweise als sogenannte Dauerlarve auftritt. Das bedeutet, dass es nicht wie die meisten Amphibien eine Metamorphose durchl\u00e4uft, seine Kiemen umentwickelt und zum Landlebewesen wird. Es lebt sein gesamtes Leben unter Wasser und ver\u00e4ndert sein \u00c4u\u00dferliches nicht. Axolotl verfu\u0308gen dafu\u0308r u\u0308ber die F\u00e4higkeit, Gliedma\u00dfen und Organe, sogar Teile ihres Herzens und Gehirns wiederherzustellen.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\"><span class=\\\"_Standard_Kursiv\\\">Totipotent,<\/span> fu\u0308gt der Songtext hinzu: In der Differenzierung noch nicht festgelegt.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Es scheint, sein gr\u00f6\u00dftes Potential ist die Verweigerung.<\/p><p>\u00a0<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Auch in Mirjam Walters Arbeiten ist bei weitem nicht alles bereit zu kooperieren. Es gibt immer wieder Bru\u0308che, Bereiche in den Bildern, die sich schwer fassen lassen oder die gegeneinander zu arbeiten scheinen. Ausschluss und Abgrenzung. \u201eAu\u00dfen vor bleiben\u201c in einer Gruppe, ebenso wie \u201eneben sich stehen\u201c, ganz singul\u00e4r. Sterben als Fassung und Form verlieren. Andere und sich selbst verlieren. Und doch die M\u00f6glichkeit fu\u0308r Wunder. Momente voller Fruchtbarkeit und gegenseitiger Erg\u00e4nzung.<\/p><p>\u00a0<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Mirjam fu\u0308hrt eine Diskussion u\u0308ber die Form. Beziehungsweise wird sie in ihrer Diskussion durch Formen gefu\u0308hrt. Was kann in einer Form gebu\u0308ndelt werden? Was will? Was ist eine bewegliche Form in einem Axierenden Medium? Eine, die sich nach und mit den Betrachter:innen bewegt?<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Ist die Produktion von undefinierten, sich zwischen Abstraktion und Gegenst\u00e4ndlichkeit verhandelnden Szenen der Ausweg, der Repr\u00e4sentation umgeht?<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Die Krux an besagter Repr\u00e4sentation ist, dass sie h\u00e4ufig, um Kritik und Zweifel anzuzeigen, das wiederholt, was sie abschaffen m\u00f6chte.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Auch den Ausstellungstitel bezieht sich auf die Verhandlung zwischen Abstraktion und Gegenst\u00e4ndlichkeit, die, wie ich behaupten wu\u0308rde, keine rein malereispezifische ist.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\"><span class=\\\"_Standard_Kursiv\\\">Ungehalten<\/span> l\u00e4ge zwischen zwei Polen. Dem der Abstraktion, der fu\u0308r Mirjam ohne Gehalt auskommt und dem der Figuration, als etwas, das einen Gegenstand festh\u00e4lt.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Fu\u0308r mich ist zentral, dass Mirjams Bildsprache mit belebten Formen arbeitet, die beides sein k\u00f6nnen: abstrakt und Agurativ. Was allem innewohnt, ist eine belebte und h\u00e4ufig emotional kommunizierende Aktivit\u00e4t.<\/p><p>\u00a0<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">In <span class=\\\"_Standard_Kursiv\\\">Unfassbar werden<\/span> reihen sich Bl\u00e4tter, Pollen, Poren, Fru\u0308chte, Knospen, Schn\u00e4bel und Finger um ein wei\u00dfes Konstrukt aus Perlenkette, Wirbels\u00e4ule, Fischgr\u00e4ten und \u00c4sten.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Es ist spannend, Elemente zu \u201eerkennen\u201c, ihnen etwas bekanntes zuzuweisen, mich dem Bild in der \u00dcbersetzung von Details anzun\u00e4hern. Dennoch habe ich nicht das Gefu\u0308hl, das festliche Gewirr vor diesen ausgebeult, wabernden Fl\u00e4chen entziffern zu wollen oder zu mu\u0308ssen, um seinem Gehalt zu begegnen. Wohl eher im Gegenteil.<\/p><p>\u00a0<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Mirjams Arbeiten sind eng mit dem Leben verbunden. Manche Malereien zeigen Menschen oder Menschliches, erz\u00e4hlen von Erlebtem oder Getr\u00e4umtem. Der K\u00f6rper als weit dehnbare Form \u00f6ffnet und schlie\u00dft sich, wird verwundet, geliebt und aufgel\u00f6st.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Mit einer du\u0308nnen, blauen Schleife gebu\u0308ndelt, formt sich ein K\u00f6rper durch seine Abgrenzung. Sein Gehalt \u2013 ob fleischliches Volumen oder wallende Luft \u2013 bleibt schleierhaft.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Die Beobachtung, dass sich Menschen ihrem Wesen und Verhalten nach in L\u00f6ffel-, Gabel- und Messer-Menschen einteilen lassen (inklusive Zwischenstufen und Mischformen) brachte Mirjam zu einer Reihe von Zeichnungen und geflochtenen Objekten.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Die Objekte <span class=\\\"_Standard_Kursiv\\\">Ohne Namen<\/span> (nicht ohne Titel) haben keinen Kopf. Sie sind keine konkrete Personifizierung. Sie sind nach oben offen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Viele Arbeiten haben etwas K\u00f6stliches. Je l\u00e4nger ich mit ihnen Zeit verbringe, desto deutlicher sehe ich Rausch. Berauschte Fl\u00e4chen und Strudel, Auswu\u0308chse und Poren, die sich begegnen, sich umzingeln, umschw\u00e4rmen, ertasten, spu\u0308ren. Erst k\u00f6stlich, dann absto\u00dfend. Dann beides.<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">\u00dcberlagernd, infiltrierend, u\u0308bernimmt die eine Form die andere. Die Verhandlung des Selbst u\u0308ber die Abgrenzung zur Umgebung, auch darin liegt das K\u00f6rperliche. In einer Grenze, einer Fassung, die beweglich und dehnbar sein kann, durchl\u00e4ssig und atmungsaktiv, aber dennoch einen Zusammenschluss darstellt. K\u00f6rper stecken stets voller anderer K\u00f6rper, wir sind Hu\u0308llen und selbst von Hu\u0308llen umgeben. Dies gilt fu\u0308r lebenswichtige Mikroorganismen in unseren K\u00f6rpern, ebenso fu\u0308r Menschen, Umgebungen und Orte, die uns pr\u00e4gen und uns begleiten. Wir verteilen uns, sind fragmentiert, offenporig.<\/p><p>\u00a0<\/p><p class=\\\"_Einzug\\\">Die offenen Stellen sind sensibel. Es sind Schnittstellen, nicht zwangsl\u00e4ufig schwach, aber hoch reaktiv und aufmerksam.<\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 0,\r\n      \"col\": 4,\r\n      \"colspan\": 10,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 4,\r\n      \"relid\": 4,\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    },\r\n    {\r\n      \"type\": \"text\",\r\n      \"cont\": \"<p style=\\\"text-align: right;\\\"><a href=\\\"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/ausstellungen\/ungehalten\/\\\" data-type=\\\"project\\\" data-id=\\\"520\\\" data-title=\\\"Ungehalten\\\" data-catid=\\\"[9]\\\"><span style=\\\"font-size: 18px;\\\">Abb. zur Ausstellung<\/span><\/a><\/p>\",\r\n      \"align\": \"top\",\r\n      \"row\": 1,\r\n      \"col\": 7,\r\n      \"colspan\": 7,\r\n      \"offsetx\": 0,\r\n      \"offsety\": 0,\r\n      \"spaceabove\": 0,\r\n      \"spacebelow\": 0,\r\n      \"yvel\": 1,\r\n      \"push\": 7,\r\n      \"relid\": 5,\r\n      \"classes\": \"fixed\",\r\n      \"frameOverflow\": \"\"\r\n    }\r\n  ]\r\n}","phonegrid":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/521","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=521"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/521\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/305"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=521"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=521"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/mirjamwalter.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=521"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}